Prof. Dr. Karl-Heinz Jakob 1940 - 2025
Dr. Ing. Beate Trost
Lieber Carlo,
Dein für uns so plötzlicher und schmerzlicher Tod hinterlässt eine Lücke in unseren Reihen, die nicht zu schließen sein wird!
Du zitiertest Goethe in einer Deiner letzten Nachrichten an uns: „Man erwirbt sich vielleicht mehr Verdienst durch das, was man anregt, als durch das, was man selbst vollbringt.“
Wer Dein Schaffen verfolgte, weiß, dass diesem Gedanken eine Bescheidenheit zugrunde liegt, die nicht angebracht ist:
Viele Jahre hast Du, zuerst als Handwerker und dann als Bergbauingenieur, unter Tage in den Erz- und Kohlebergwerken Europas gearbeitet. Diese Arbeit war Dir aber nicht Selbstzweck. Mit naturwissenschaftlicher Neugier hast Du Beobachtungen und Erfahrungen gesammelt, deren Erklärung Dir dann als Professor für Lagerstättenforschung und Rohstoffkunde zum Forschungsziel wurden. Wie kommen so „markant gebänderte, gewellte, durchbrochene, versetzte, gesprenkelte und andere“ mineralische Strukturen zustande? Du initiiertest Untersuchungs- und Experimentreihen, um diese Bildungsprozesse zu erklären, die schließlich die Wirkkraft elektromagnetischer Felder bei diesen Bildungsprozessen nachwiesen. Es entstanden an der TU Berlin durch Dein Wirken viele Veröffentlichungen, drei Dissertationen und mehrere Studien- und Diplomarbeiten zu diesem Thema innerhalb des Zeitraums von 1988 bis 2004.
2014 hatte unsere gerade gegründete Hamburger Erdexpansionsgruppe Dich als Experten zum Vortrag auf unserem Salon „Die Theorie vom anwachsenden Erdball“ eingeladen. Dort formuliertest Du:
„Das ganze geologische Struktur-Inventar kann sich völlig neu ausbilden oder umlagern, wenn z.B. ein ursprünglich homogenes mineralisches System einem thermodynamischen Nichtgleichgewicht ausgesetzt ist, wie es durch natürliche Elektrizität oder bei natürlichem Wärmefluss oder Druck der Fall sein kann.
Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu; sie wurde aber bisher in den Geowissenschaften aus traditionellen Gründen unberücksichtigt gelassen. Stattdessen wurden und werden mineralische Strukturen von Geowissenschaftlern fast ausschließlich mit Bildungsprozessen der Schwerkraft, der Mechanik, Tektonik und über hydrothermale Fluide erklärt. Das stellt sich jetzt als einseitig und unvollständig heraus und wird deshalb verdächtigt, z.T. grob falsch zu sein, was leicht überprüfbar ist.“
Bänderstrukturen in geologischen Gefügen, die bis zu Deinen Experimenten niemand überzeugend erklären konnte, hast Du anhand wissenschaftlicher Methoden treffend gedeutet und jederzeit reproduzierbar experimentell belegt. Deine Forschung an Eisen-Mangan Ablagerungen des Harzes waren so überzeugend, dass die Expertenkommission in Clausthal den Begriff der „Selbstorganisation“ mit Haupt- und Nebenstichwörtern 1999 in das Lagerstättenkundliche Wörterbuch der Deutschen Sprache aufnahm. Der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine, der in diesem Forschungsfeld als Chemiker wirkte, inspirierte Dich, dieses Prinzip in Lagerstätten-Prozessen zu untersuchen. Es war Dein Verdienst, dass der Begriff der Selbstorganisation in die Strukturgeologie eingeführt wurde.
In deinen ersten Jahren an der TU Berlin warst Du noch in Kontakt zu Ott Christoph Hilgenberg gekommen. * 18. Januar 1896 in Grebenstein bei Kassel; Ingenieur, Geowissenschaftler und Begründer der Expansionstheorie der Erde. (Wikipedia)
Du warst es, der 2001 an den 25. Todestag Hilgenbergs erinnerte. Du ehrtest Hilgenberg mit der Veröffentlichung
Giancarlo Scalera & Karl-Heinz Jacob (Hrsg.): Why expanding earth? A book in honour of Ott Christoph Hilgenberg. Proceedings of the 3rd Lautenthaler Montanistisches Colloquium held in Lautenthal, Mining Industry Museum, on May 26, 2001.
2003 schließlich brachtest Du Hilgenbergs Erklärungen tektonischer Prozesse durch Erdexpansion mit einer Vortragsveranstaltung zum Thema "Erdexpansion - eine Theorie auf dem Prüfstand" wieder in die Diskussion. Unter Deiner Leitung tauschten sich Geowissenschaftler und Ingenieure aus allen Teilen der Welt mit Konstrukteuren von Paläo-Globen aus den USA und aus Deutschland aus.
Du hast sehr viel Gegenwind und sogar persönliche Anfeindungen erdulden müssen, weil Du Dich – immer natürlich mit der wissenschaftlich gebotenen Vorsicht – für eine Theorie stark gemacht hast, die im Wissenschaftsbetrieb auch jetzt noch als Unsinn verleumdet wird, obwohl niemand bisher einen Gegenbeweis angetreten ist. Wir mussten miterleben, wieviel Leid das für Dich und Deine liebe Frau Lucilla bedeutete und wie oft Du resignieren wolltest. Du bist aber in kleinerem Kreis doch immer wieder für Deine Überzeugung eingetreten und hast weiter Beiträge geliefert. Wir sind Dir sehr dankbar dafür!
Es bedeutet doch einen enormen Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis, wenn ein Wissenschaftler bereit ist, seine eigenen Forschungsergebnisse in den Rahmen eines anderen Forschers und eines anderen Gebietes einzuordnen. Genau dieses hast Du getan, indem Du deine Erklärungen strukturbildender Prozesse durch Selbstorganisation in den Zusammenhang der Erdexpansion stelltest. Damit bietest Du nachkommenden Wissenschaftlern – und auch selbstdenkenden Laien – ein großes Feld für eigenes Forschen.
Genau dieses hast Du Dir auch stets gewünscht und vor allem auch die dafür notwendige Offenheit im Denken angemahnt, ohne die ein Fortschritt bei der Erkundung der Welt nicht möglich sei. Oft hast Du darauf hingewiesen, dass die Geo-Wissenschaften dabei seien, ohne Not und unter Inkaufnahme größter Verluste an Erkenntnissen ihr ureigenstes Arbeitsfeld anderen Fakultäten zu überlassen.
Du hast den Finger immer dort in geologische Wunden gelegt, wenn andere sich längst ratlos oder irritiert abwandten, wenn Erklärungen ausblieben oder ungenügend waren. In Deinem Beitrag in den Geowissenschaftlichen Mitteilungen Nr. 19/2005 zum Workshop an der Universität Urbino mit dem Titel „New Concepts in Global Tectonics (NCGT)“ schreibst Du mit Empörung und großem Bedauern über „die Erkenntnis und das Eingeständnis der versammelten Wissenschaftler und Ingenieure, dass sie im beruflichen Alltag - jeder an seinem Platz - nur selten die Kraft und den Mut aufbrächten, die große Unzulänglichkeit und Unsicherheit über unser angeblich sicheres Wissen - wenigstens gelegentlich - offen einzugestehen.“
Denn während viele Geowissenschaftler die Meinung vertreten, die Geologie habe ausgedient, sahst Du mit anderen den großen Bedarf an freier, von alten Traditionen unbelasteter Forschung.
Wenn bei Feldforschungen die mithilfe von seismischen Messungen erstellten Prognosen durch die tatsächlichen Befunde widerlegt werden, (So z.B. geschehen bei dem großen Projekt der kontinentalen Tiefbohrung in der Oberpfalz von 1987-1995.), so wird klar, wie unsicher die Kenntnisse bezüglich geologischer Strukturen und stofflicher Gegebenheiten mindestens in großen Tiefen ist, nämlich da wo die meisten Erdbeben und Vulkantätigkeiten auftreten. Und es liegt umso näher, dass man große Anstrengungen unternimmt, um zu sicheren Erkenntnissen zu kommen. Es geschah aber das Gegenteil: Die Bohrung wurde als Erfolg ausgegeben, indem man das Forschungsziel im Nachherein umbenannte.
Solche Rückschläge haben Dich bitter enttäuscht! Der Wunsch nach Fortsetzung der Arbeitsrichtung „Selbstorganisation in mineralischen Systemen unter Berücksichtigung des thermodynamischen Nichtgleichgewichts“ lag Dir bis zuletzt am Herzen. „Die Geo-Forschung sollte diese Arbeitsrichtung vertiefen.“, so lautet Dein Appell, den Du aus dem Fachgebiet der Lagerstättenforschung an der TU Berlin an die Forschergemeinde hinterlässt.
Lieber Carlo, wir, Deine Freunde, die „Erdexen“, sind überzeugt, Du hast nicht nur angeregt, Du hast selbst vollbracht, da Du die Theorie der Erdexpansion durch international anerkannte Vortragsarbeit, durch Lehr- und Forschungsarbeit und außerordentliches persönliches Engagement vorangebracht hast. In einem Fernsehbeitrag 2014 für ARTE zeigtest Du auf, welchen Stellenwert die Erdexpansion noch in den 1960er Jahren in Deutschland hatte, als Prof. Heinz Haber - ebenfalls im Fernsehen - Experimente zur expandierenden Erde der Öffentlichkeit vorstellte.
Link zum Film
Carlo, wir sind stolz, Dich kennengelernt zu haben und werden Deine Erkenntnisse in die Zukunft tragen, genau wie Du es für Ott-Christoph Hilgenberg getan hast!

"Landgut Eule oder die Weisheit, die vor der Tür gefunden werden kann."
Gemälde von Karl-Heinz Jacob. Dazu sein erklärender Text:
DIE WAHRHEIT DES DENKENS besteht darin,
einen Gedanken nach seiner ganzen Tiefe,
Höhe und Breite durchzuführen
und vor keiner Konsequenz zurückzuscheuen.
DIE WAHRHEIT DES TUNS ist anders.
Sie besteht darin, die schmale Stelle
der Möglichkeit zu suchen und die eigene Kraft
in das rechte Maß zu bescheiden, wissend, dass
der vollzogene Ansatz durch die innere Logik des
Lebens selber weitergeführt wird.
Romano Guardini